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Gewissen und Gesinnung

Franz von Assisi und Mao Zedong

BETREIBSWERK

Gewissen und Gesinnung

Mitwirkende:

  • SCHOLA HEIDELBERG | ensemble aisthesis

Leitung: Ekkehard Windrich

Veranstalter: KlangForum Heidelberg

2026 runden sich die Todesjahre zweier Persönlichkeiten, die in ihrem Wirken kaum gegensätzlicher sein könnten: Franz von Assisi (†1226) und Mao Zedong (†1976). Der eine entfachte durch extreme Entsagung und persönliche Opferbereitschaft eine friedliche Massenbewegung, die ihn wiederum selbst noch zu Lebzeiten ausgrenzte und in die innere Emigration trieb. Der andere hielt eine jahrzehntelange revolutionäre Umwälzung aufrecht, für die er Millionen Todesopfer in Kauf nahm. Den Bogen zwischen einem derartigen Gegensatz zu spannen, provoziert sicherlich kritische Nachfragen, die sich inhaltlich kaum in einem konventionellen Konzertprogramm beantworten lassen.

Von vornherein ist also klar, dass es in diesem interdisziplinären Konzertprojekt – bestehend aus Vorträgen, Podiumsdiskussion, Haupt-Konzert mit live projizierten Fotoserien sowie einem moderierten Spätkonzert mit Publikumsgespräch – nicht um eine moralische Gleichsetzung von zwei der extremsten Figuren der Menschheitsgeschichte gehen kann. Vielmehr soll dem Punkt nachgespürt werden, wo die Extreme sich berühren, unter welchen geschichtlichen und charakterlichen Vorzeichen auch immer. Denn zweifellos verbindet Franziskus und Mao eine gemeinsame Frage mitsamt der fundamentalistischen Kompromisslosigkeit, in der sie beide nach Beantwortung derselben strebten: die der sozialen Gerechtigkeit, der Empathie für die Mittellosen. Eine zweite, weniger offensichtliche Parallele liegt darin, wie die veröffentlichen Abbildungen der beiden Persönlichkeiten ihr jeweiliges „Image“ in der Öffentlichkeit konstruieren halfen.

Die soziale Frage ist so alt, dass man sie als menschheitsgeschichtliche Konstante betrachten darf und findet sich verschieden ausgeprägt in vermutlich allen Religionen. Das Bewusstsein für gesellschaftliche Ungerechtigkeit, das Mitleid für die Hungernden und Frierenden dürfte also schon ebenso lange bestehen wie die bittere Erfahrung des Scheiterns, diesen Missstand strukturell zu beseitigen.

Franziskus wurde in eine wohlhabende Familie hineingeboren. Als sein Mitleid mit den Benachteiligten sich rührte, stahl er zunächst seinem Vater Geld und gab es den Armen – kein besonders rühmliches Verhalten soweit. Doch wenig später setzte er alles daran, weniger zu besitzen als jeder andere, er bettelte und fror, wurde bösartig verlacht und gab erhaltene Spenden an noch Bedürftigere weiter. Er leistete oft harte körperliche Arbeit auf Feldern und Baustellen. Zahlreiche Mönche und Nonnen pflegten Leprakranke, doch Franziskus spendete trotz der bekannten Ansteckungsgefahr dabei auch ausgiebig tröstenden Körperkontakt. Er mag für andere Wunder umstrittener Echtheit berühmt sein, doch welche Kraft hinter dieser lebenslangen Konsequenz steckte, ist aus heutiger Perspektive ebenso unvorstellbar wie das damalige Elend der Armen.

Franziskus‘ Charisma war so groß, dass sich andere ihm anschlossen und nach wenigen Jahren erwuchs eine Bewegung, die durch ihr radikales Nacheifern Christi zu einer Bedrohung der etablierten kirchlichen Macht wurde. Diese entschied sich gegen offene Repressalien und stattdessen für die bewährte Strategie der Einhegung in ihre Strukturen. Aus der Bewegung wurde also ein Orden mit professionellem Management, womit eine wirtschaftlich tragfähige Grundlage unausweichlich wurde. Franziskus‘ Prinzipienstärke zog weiterhin europaweit junge Menschen an, denen es allerdings zunehmend um persönliche Bildungschancen ging und erst in zweiter Linie um eine entbehrungsreiche Lebens- und Glaubenspraxis: Der Orden der Minderen Brüder trug gegen den erbitterten Widerstand seines Gründers einiges zu den Universitäts-Gründungen in Europa bei. Franziskus wandte sich jedenfalls bald nach der Rückkehr vom Kreuzzug von Damiette (und dem vergeblichen Versuch der Bekehrung von Sultan al-Kamil) von seinem eigenen Orden ab und zog sich resigniert mit seinen alten Getreuen zurück.

Franziskus war kein Sozial-Revolutionär und strebte keinen Umsturz der gesellschaftlichen Verhältnisse an. Er nahm lediglich für seine Person die Forderungen Jesu Christi in fundamentalistischer Konsequenz ernst. Die Vereinnahmung durch die Kirche jedoch, die auf Franziskus‘ Orden schon zu dessen Lebzeiten mäßigend einwirkte, setzte sich posthum in Form von Legendenbildung, prachtvoller Architektur und bildlichen Darstellungen fort: Schon im – künstlerisch erstrangigen, Giotto zugewiesenen – Freskenzyklus der Oberkirche der Basilika San Francesco in Assisi wird Franziskus als Nachfolger Christi inszeniert. Die ästhetisch überhöhte Tugendhaftigkeit des Heiligen übertüncht dabei die beispiellose Mühsal seines Lebenswegs, der in scharfem Kontrast zur kirchlichen Realität steht. Eine Franziskus-Darstellung auf dem Triumphwagen wie die von Franz Ludwig Hermann (Deckenfresko der Franziskanerkirche Überlingen) jedenfalls erfüllt in dieser Lesart den Tatbestand der Propaganda.

Mit einer auf die Leinwand projizierten Serie solcher und weiterer kulturhistorisch bedeutsamen Franziskus-Abbildungen zeichnen wir den Wandel des öffentlichen Franziskus-Images über die letzten 800 Jahre nach, musikalisch konterkariert vom gregorianischen Versus alleluiaticus Franciscus pauper et humilis sowie Carlo Gesualdos sechsstimmiger Motette Franciscus humilis, bearbeitet für Sopran, Oboe, Tenor, Viola, E-Gitarre und Bass.

Jörg Herchet wird in seiner Franziskus-Kantate sicherlich keine Rücksicht auf das tradierte, bequeme Heiligen-Bild nehmen. In seiner Komposition (Auftrag des KlangForum Heidelberg), Teil des schon 1978 begonnenen Zyklus‘ Das geistliche Jahr, spürt der Altmeister und überzeugte Katholik dem schwer fassbaren Glaubensantrieb und der Persönlichkeit des Franziskus nach. Die Textgrundlage seines langjährigen Librettisten Jörg Milbradts vertont Herchet mit dem erklärten Ziel: „…der heilige Franziskus sprengt ja so total alle Normalität, daß ich auch schon im Klang klassische Grenzen überschreiten möchte“ (E-Mail, 13.02.2025). Herchet hat im Überschreiten geistiger Beschränkungen einige Übung. Aufgewachsen in der DDR, betrachtete er seinerzeit Dodekaphonie als kompositorischen Akt des Widerstands gegen realsozialistische Gängelung. Franziskus‘ Wirken fasst er in seiner urchristlichen Widerborstigkeit auf, gegen das besinnungslose Treiben der Alltagsgeschäfte gerichtet und getragen vom zutiefst menschlichen Gewissen.

Das Wirken Maos entzieht sich, zumindest was die Zahl seiner Todesopfer betrifft, jeder Vorstellungskraft. Wikipedia nennt 40-80 Millionen Menschen, die Datenlage ist unsicher. Warum also überhaupt eine Gegenüberstellung mit Franziskus als personifizierter Friedfertigkeit?
Im Rahmen dieser Projektbeschreibung lässt sich Maos Werdegang höchstens ansatzweise skizzieren – diese Aufgabe wird Prof. Barbara Mittler in ihrem Einführungsvortrag übernehmen. Doch sein Ausgangspunkt war dem des Franziskus durchaus ähnlich. Selbst hineingeboren in eine wohlhabende Bauernfamilie, war Mao mit unsäglichem Elend und Hunger konfrontiert, verschärft durch die Auflösungserscheinungen der Qing-Dynastie unter dem Druck des Kolonialismus.
Durch seine Mutter buddhistisch geprägt, erwarb sich Mao durch diszipliniertes Selbststudium das Rüstzeug in kommunistischer Theorie, mit dem er die Ursachen der allgegenwärtigen Armut analysierte. Trotz seiner später begangenen apokalyptischen Verbrechen muss darauf hingewiesen werden, dass Maos ursprünglicher Impuls empathischer Natur war: Seine totalitäre Gesinnung entstand gerade aus dem unbedingten Willen, das Unrecht an der Wurzel anzupacken und auszureißen.

Maos Machtprojektion mündete in einem Personenkult, der seine eigene Dynamik entfaltete. Mit zunehmendem Alter erforderte die Imagepflege des „Großen Vorsitzenden“ aufwendigste Retuschen jedes veröffentlichten Fotos, die sich nicht auf sein Aussehen beschränkten, sondern oft auch den realen Kontext der Originalaufnahme auslöschten und durch einen fiktiven ersetzten. Unbearbeitete Fotos von Mao gibt es vor allem aus seinen jüngeren Lebensjahren – als Beispiel seien die 1938 entstandenen Dokumentaraufnahmen Walter Bosshards genannt. In einer projizierten Fotoserie zeichnen wir die Figur Maos zwischen Propaganda und Realität nach.

Das beantragte Projekt folgt diesem Ansatz parallel auch auf musikalischer Ebene: Zur Verherrlichung Maos wurden zahlreiche Propagandalieder komponiert, deren Befremdlichkeit wir unserem Publikum keinesfalls ersparen wollen. Auszüge aus Maos selbst verfassten, teils bemerkenswert schönen Gedichten und anderer seiner Texte stellt der junge chinesische Komponist Geng Shiqi in seiner Komposition (Auftrag des KlangForum Heidelberg) der europäisch-humanistischen und christlichen Geistesgeschichte gegenüber. Auch die Lebenshaltung des Franziskus wird dabei in Kontrast zu derjenigen Maos aufscheinen.
Dieses Umschlagen der Perspektive zeichnet auch Gengs Kompositionsstil mit vollkommener Beherrschung traditioneller europäischer Harmonik und orchestraler Instrumentation aus, die sich jederzeit verwandeln kann in eine spektrale Musiksprache mit höchst komplexen Oberton-Strukturen. Geng, dessen Schaffen von außerordentlicher Kompromisslosigkeit geprägt ist, bemüht sich gegenwärtig um die österreichische Staatsbürgerschaft – ein Ansinnen, das jede Unterstützung verdient.